Piraten nach Brüssel – Gilles’ Rede

gehalten auf der Aufstellungsversammlung der Piratenpartei zur Europawahl am 04.01.2014. Update: Video hinzugefügt.

Wer ich bin:
Hallo, ich bin Gilles, Franzose, nach dem Studium der angewandten Fremdsprachen Englisch und Deutsch nach Deutschland gekommen und lebe seitdem -abgesehen von einem dreijährigen Aufenthalt in China- in Köln.

Ich bin verheiratet und habe zwei deutsch-französische Kinder im Alter von eins und zwei. Nach zwei Jahren Elternzeit arbeite ich derzeit als Systembetreuer in einem Team, das die IT aller öffentlichen Schulen in Köln und Umland betreut. Davor war ich Lehrer, Projektleiter, Übersetzer, Dolmetscher, Layouter und Eskalationsmanager.

Was motiviert mich für den Wahlkampf und für den Gang nach Brüssel?
Ehrlich gesagt ist das im Moment eine Mischung aus Verständnislosigkeit und Wut gegenüber den derzeit Regierenden.

  • Ich verstehe nicht, wie man zu Zeiten des Eisernen Vorhangs erwachsen werden kann, mit der Gewissheit, nach dunklen Jahren des Totalitarismus auf der „guten“ Seite zu sein, frei von Überwachung, Meinungspolizei und Unterdrückung kritischer Stimmen, um später, einmal an die Macht, einen derart flächendeckenden Überwachungsapparat einzuführen, dass frühere Geheimdienstler den nicht einmal im Traum vor Augen hatten.
  • Ich verstehe nicht, wie man derart geschichtsvergessen sein kann, dass man sich nicht daran erinnert, wo außenpolitische Diktate und Jeder-Staat-ist-sich-selbst-der-Nächste-Logik hinführen und unbeirrt daran festhält, nur der eigene Weg sei der richtige. Egal, wie sehr man damit diesen Kontinent, den es zusammenzubringen gilt, teilt.
  • Ich bin sauer, dass das Heranwachsen einer verlorenen Generation, die für ihren Einstieg ins aktive Leben mit Massenarbeitslosigkeit und Prekarität begrüßt wird, in Kauf genommen wird. Es betrifft ja die Anderen, die im Süden. Dann sollen die halt mehr Siesta machen, oder wie?
  • Ich bin sauer, dass das großartigste Projekt in der Geschichte des Kontinents, die friedliche Einigung Europas, durch Arroganz, durch Lügen der Politiker, kein hehres Ziel mehr, sondern bestenfalls ein notwendiges Übel geworden ist.

Und dann ist da doch noch diese Begeisterung. Ich hab‘s am Anfang gesagt: Ich bin Franzose, lebe in Deutschland, meine Frau ist Deutsche, meine Kinder haben beide Pässe, und es sieht recht gut aus, dass sie sich niemals überlegen müssen, gegen welchen Teil der Familie sie lieber zu den Waffen greifen wollen. Das ist großartig! Das hat es noch nie gegeben!

Jetzt wisst Ihr, was mich motiviert.

Ein paar Eigenheiten meiner Kandidatur will ich noch erwähnen:

  • Ihr habt es vielleicht mitbekommen: Ich fahre mit Julia Tandem, wir wollen zusammen ins Europäische Parlament. Was habt Ihr davon?

    1. Wenn ihr uns beide nach vorne wählt, wisst Ihr schon mal, dass Ihr damit Kandidaten habt, die miteinander gut und gerne zusammen arbeiten und zusammenhalten, und sich nicht mitten im Wahlkampf oder nach der Wahl gegenseitig schlecht machen werden.

    2. kriegt Ihr deutlich mehr als nur unsere Arbeitskraft. Wir sind bereits jetzt eine funktionierende Arbeitseinheit, mit engagierten Menschen, die uns Aufgaben abnehmen, z.B. in der Technik, Recherche oder Komunikation. Dieses Team nehmen wir natürlich mit in den Wahlkampf. Das wird, glaube ich, ein großer Vorteil sein. Weiter sind wir international gut vernetzt und kennen uns in Brüssel aus.

  • Eine wichtige Arbeitssprache der EU ist zufälligerweise meine Muttersprache. Nicht selten erscheinen Arbeitsdokumente zuerst auf Französisch. Ich aber kann in solchen Fällen mit der Originalquelle arbeiten und habe dadurch möglicherweise in der innerparlamentarischen Stimmungsmache gegen oder für ein Vorhaben einen Vorsprung. Auch in der anfänglichen und alltäglichen Organisation bin ich dadurch freier und selbstständiger.

Aber genug von mir, ich glaube, Ihr habt‘s verstanden: Packt diesen Europäer oben auf die Liste und zeigt den alten Parteien, dass wir das mit Europa lieben, leben und uns nicht von angstgetriebenen Politikern kaputt machen lassen!

Ich freue ich mich auf eure Fragen.

(es gilt das gesprochene Wort)

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